Das Schlösschen in Rückingen

Ehemaliger Herrenhof in Rückingen

Das so genannte „Schlösschen“ in der Hauptstraße und die „Wasserburg“ sind die ältesten noch erhaltenen Gebäude in Rückingen.
Die Wasserburg wurde im Jahre 1248 erstmals urkundlich erwähnt.
Im Mittelalter wohnten dort zwei niederadelige Ritterfamilien: die Familie derer von Rückingen und die Familie derer von Rüdigheim. 1405 wurde auf Befehl von König Ruprecht von der Pfalz die Wasserburg zerstört, da die Ritter von Rüdigheim von hier aus Raubzüge in die Umgebung unternommen hatten.

Die Rüdigheimer Herren mussten geloben, „keinen Graben, keine aufgehängte Brücke, keinen burglichen Bau oder Befestigung“ mehr zu errichten, nur ein Bauhof sollte ihnen gestattet sein. So wurde der neue Rittersitz, der spätere Herrenhof, knapp 2oo Meter oberhalb der Kinzig erbaut. Er bestand aus einem Wasserschloss, Herrenscheuer, Stallungen und einem großen Herrengarten, alles umfriedigt mit einer festen Gartenmauer. 1564 wurde der Herrenhof um das „Schlösschen“ im Herrengarten erweitert. Das Hauptgebäude der Schlossanlage stand in der heutigen Brückenstraße etwa gegenüber der Schule und wurde im Jahre 1909 abgerissen.

Alte Kapelle am Schlösschen in Rückingen

Neben dem „Schlösschen“ stand die vermutlich schon im 13. Jahrhundert errichtete Kappelle, die 1605 zu einer kleinen Kirche mit Renaissancegiebel erweitert, später als Gemeindekirche genutzt und 1912 abgerissen wurde.

Nachdem die Wasserburg im Jahre 1569 von der Familie derer von Rückingen wieder aufgebaut wurde, hatte Rückingen also im 16. Jahrhundert zwei herrschaftliche Gebäude: den Herrenhof an der heutigen Brückenstraße und die Wasserburg.

Zeichnung der Wasserburg in Rückingen aus dem Jahre 1910

Wahrscheinlich lebten die Rüdigheimer Ritter im Herrenhof und die Rückinger in der Wasserburg.
Der vordere Teil des „Schlösschens“ jedenfalls entstammt in seinen massiven Teilen (Keller, Teile des Erdgeschosses und Treppenturm) der Zeit um 1564. Nach großen Kriegszerstörungen im Dreißigjährigen Krieg errichtete man 1657 den heute noch vorhandenen Fachwerkteil des Erdgeschosses sowie das Obergeschoss und das Dachwerk. Der hintere Gebäudeteil entstand erst 1713 unter der Familie von Fargel und wurde später im Innern vielfach umgebaut.

Scheune des ehemaligen Herrenhofs

Von der ehemaligen Anlage des Herrenhofs sind heute lediglich das „Schlösschen“ und eine Scheune in der Brückenstraße erhalten geblieben. Darüber hinaus befinden sich auf einigen Privatgrundstücken Mauerreste, die der ehemaligen Mauer des Herrenhofs zugeordnet werden.
Das „Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Hessen“ bezeichnet das Gebäude mit seinem Fachwerkobergeschoss als einen „malerischen Wirtschaftsbau“.
Im hinteren Teil des „Schlösschens“ wurde 1877 das heutige Schulhaus angebaut. Auch wurden einige Räume als Kindergarten genutzt. Der Gewölbekeller im vorderen Teil diente im 2. Weltkrieg als Luftschutzbunker. In den Räumen darüber waren zuletzt Sozialwohnungen eingerichtet gewesen.

Sanierung des Rückinger Schlösschens

Grundschule in Rückingen

Mit finanzieller Unterstützung des Bund-Länderprogramms „Soziale Stadt“ wurde das „Schlösschen“ zwischen 2006 und 2009 baugeschichtlich dokumentiert und komplett saniert. Das Projekt „Soziale Stadt“ selbst startete 1999 mit der Erstellung einer Rahmenplanung unter Beteiligung der Bürger, der Politik und der Verbände. Mit der Umgestaltung des Umfeldes der Wasserburg im Jahre 2003, des Quartiers der Kastellstraße, mit dem Rückbau der Leipziger Straße und dem benachbarten Römer-Spielplatz wurden zuvor schon einige für die Ortsgeschichte bedeutende Plätze einer neuen Nutzung zugeführt. Der Limeskreisel und das Projekt Schlösschen folgten.

Grundschule in Rückingen

2009 endlich waren die Arbeiten am „Schlösschen“ beendet. Heute dient der hintere Teil des historischen Gebäudes der benachbarten Grundschule als Aula und Arbeitsräume, während die Räume im vorderen Teil von Vereinen genutzt werden.

Im Dornröschenschlaf | Erzählung von Marion Walter

Das Schlösschen in Rückingen

Dies ist kein Märchen, wir haben in unserem Ortsteil Rückingen ein Schlösschen, liebevoll „Schlössi“ genannt.
Nun ist es schon vor langer Zeit eingeschlafen. Es hat schon arg gelitten. Es ist an der Zeit, es aufzuwecken und es soll wieder hergerichtet werden. Dazu braucht man Geld, Menschen mit guten Ideen, Idealismus und Durchhaltevermögen. Wie war das noch zu meiner Zeit im Schlösschen?

Schulteil des Schlösschens

Geboren wurde ich 1946 in einer der oberen bescheidenen Wohnungen. Hier lebten drei Generationen zusammen. So war das auch in den anderen Wohnungen. Es war selbstverständlich, dass Alt und Jung zusammen lebten und füreinander sorgten. Die Zimmer waren nicht groß, umso wichtiger war der Blick nach draußen. Vom Küchenfenster aus sahen wir direkt auf den Schulhof der angrenzenden Schule. In den Pausen ging es dort lebhaft zu.

Grundschule in Rückingen 1980

Schräg gegenüber war das Kino. Einen Fernseher besaßen wir nicht, da war ein Kinobesuch eine willkommene Abwechslung. Im Schlösschen und natürlich unsere Wohnung wurde mit Holz und Kohle geheizt, die wir mühsam die langen Treppen vom Keller nach oben holten. Toiletten gab es im Hof, ein einfaches Plumpsklo, die Familien hatten dazu einen Schlüssel. Im Waschhaus daneben wurde die Wäsche gekocht und gewaschen. Getrocknet wurde sie im Hof oder auf dem großen Dachboden. Jede Familie hatte einen Keller und einen kleinen Garten, der damals noch nicht von einer Mauer umgeben war, zur Herrengartenstraße. Dieses Gärtchen war unser ganzer Stolz – es gab einen Fliederbaum, einen Zwetschgenbaum, Beeren, Gemüse, Hühner und eine kleine Hütte. Der Schlosshof diente uns Kindern als Spielplatz und die Erwachsenen saßen in ihrer freien Zeit zusammen und erzählten.

Schulhof der Grundschule in Rückingen

Als ich vierzehn Jahre alt war, erfüllte sich unserer Familie der Traum vom eigenen Haus. So wie wir verließen immer mehr Mieter das Schlösschen, und nach und nach wurde es immer weniger bewohnt. Jetzt stehen die Chancen gut, dass sich etwas verändert. Die Planung ist in vollem Gange. Ein Märchen kann wahr werden, wenn das Schlösschen als ein Teil unserer Ortsgeschichte als Heimat und Identität erhalten bleibt und sich wieder mit Leben füllt.